Leben und Tod sind die Grundkonstante der menschlichen Existenz. Der Geburtsschrei des Kindes leitet den Prozess des Werdens ein, der sich im Alter mit dem Sterben vollendet. Das richtige Thema zum Welthospiztag, der in Deutschland mit vielen Veranstaltungen begangen wird.

FORCHHEIM - Die unterschiedlichen kulturellen Formen der Sterbebegleitung waren Thema eines interreligiösen Gesprächs im Rathaussaal. Die Veranstaltung organisierte der Hospizverein. Sie fand das Interesse von 50 meist älteren Menschen. «Sterben und Tod wird von der heutigen Gesellschaft gern verdrängt», leitete Vereinschef Dieter Belohlavek die Diskussion mit Juden, Muslimen, Katholiken, Protestanten und Buddhisten ein.

Dabei seien «mit dem Leben keine Geheimnisse» verbunden, so Doktor Belohlavek. Es gehe darum, den Tod aus der Tabuzone zu holen und «offen und kritisch» über die Mängel in der Palliativ-Versorgung von Sterbenden zu reden. Belohlavek sprach von einer «vornehmen Aufgabe» und einer «moralischen Verpflichtung» der Gesellschaft, todkranken Menschen in ihrem letzten Lebensabschnitt ein würdiges und schmerzfreies Sterben zu ermöglichen. «Wir brauchen dafür dringend eine neue Qualität».

Bewusstsein verlässt Körper

Wie gehen die Religionen mit dem Tod um? Das war die Frage im Rathaussaal. Sie richtete sich an Ester Klaus, die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde in Erlangen, an Mohamed Abu El-Qomsan von der Islamischen Gemeinde in der Hugenottenstadt, an den katholischen Krankenhausseelsorger Franz Feineis aus Schweinfurt, an den evangelischen Pfarrer und Forchheimer Dekan Heinz Haag sowie an den Buddhisten Karl Schreiber aus Bammersdorf.

Schreiber bekennt sich zur Nyingma-Linie des tibetischen Buddhismus, die man auch «Schule der alten (tantrischen) Lehren» nennt. Als er vor 30 Jahren einem Lama begegnete, habe es bei ihm sofort gezündet. «Ich stand kurz davor, Mönch zu werden, konnte aber noch rechtzeitig die Kurve kratzen.» Doch 1992 habe er als Schüler eines Meisters in einem Kloster in der buddhistischen Lehre ausbilden lassen.

Für den Buddhisten, der an die Wiedergeburt glaubt, trennt sich im Moment des Todes das Bewusstsein vom Körper, um sich sodann an einen neuen zu binden. Stirbt ein Buddhist, soll der Leichnam 49 Tage lang in Ruhe gelassen werden. Die Rituale, die mit Tod und Trauer verbunden sind, sind laut Schreiber durch «ständige Wiederholung» Quelle für die Glaubenskraft des Buddhisten.

Die im Orient sich feindlich gegenüberstehenden Juden und Muslime haben in der multikulturellen Gesellschaft in Deutschland friedlich miteinander umgehen. In Erlangen, so Klaus und Abu El-Qomsan, nutzt man für die Waschung der Leichname der Verstorbenen den selben Raum in der Leichenhalle. «Gelobt sei der Herr, der den Tod angenommen hat», gilt laut Klaus als «ganz wichtiges Wort», wenn der gläubige Jude stirbt. Denn der Sterbende ist «wie ein verloschenes Licht, das nicht zurückgeholt werden» darf.

Wenn der Sterbende sein Lebensende bewusst erlebt, soll er ein Schuldbekenntnis ablegen, dass er trotz gottgefälligem Leben Fehler gemacht habe. Ist der Tod eingetreten wird der Leichnam auf den Boden gelegt, mit einem Leintuch zugedeckt und eine Kerze entzündet. Der Sarg darf nie mehr geöffnet werden. Die Angehörigen sollen sieben Tage lang trauern und noch ein Jahr lang den Kaddisch beten.

Islam gegen Märtyrer

Der tote Muslim wird schnell begraben. Der Kopf der Leiche wird im Grab nach Mekka ausgerichtet. Abu El-Qomsan: «Wir lassen Sterbende nicht allein. Man helfe ihnen, zur Ruhe zu kommen. Und sorgt dafür, dass alle Abschied nehmen können.» In Europa werde der männliche Leichnam vom Nabel bis zum Kinn gewaschen.

Nach 40 Tagen Trauer lädt die Familie zu einem Fest am Grab ein, bei dem auch Spenden verteilt werden. Selbsttötung erlaube der Islam nicht, folglich auch keine Märtyrer.

Krankenhausseelsorger Feineis, der Sterbebegleitung leistet, wohin er gerufen wird, unabhängig von der Religion des Patienten, hält es für wichtig ist, dass der Todgeweihte «eine Lebensbilanz» zieht. Er wolle ihm helfen, entspannt ins Kissen zu sinken. Dekan Haag erinnerte an die christliche Botschaft der Wiederauferstehung. «Mein Großvater hat immer gesagt: «Da drüben ist ein gutes Daheim». Ihm, so der evangelische Geistliche, helfe bei der Begleitung von Sterbenden «immer ein frommer Umgang mit den Ritualen.»

Hugo Molter