Gesucht: Einer, der die Trauer aushalten kann

Die Hospizhilfe ist eines der schwersten Ehrenämter - In Forchheim lassen sich gerade 17 Begleiter ausbilden
  
Ein Ehrenamt ist es - doch keines, über das man beim Kaffetrinken mal eben plaudert: Sterben ist immer noch ein Tabuthema, Sterbebegleiter haben eine der härtesten Aufgaben, die das Ehrenamt zu vergeben hat. Wie werden diese Helfer auf ihre ersten Einsätze vorbereitet? Ein Besuch beim Hospizverein des Landkreises Forchheim.

FORCHHEIM - 17 Menschen in einem Kreis. Ausschließlich Frauen - nein, halt: Von einer Seite her dringt eine tiefe Stimme durch, ein Mann hat sich doch getraut. In eine Gruppe Mutiger, die ein großes Abenteuer wagen. Alle Teilnehmer, alle 17, die an diesem Abend im Saal der diakonischen Villa in Forchheim sitzen, wollen Hospizhelfer werden. Um Menschen die Hand zu halten, da zu sein, wenn der letzte Atemzug durch sie geht. Todtraurig ist die Stimmung an diesem Abend trotzdem nicht.

Das liegt an der Dozentin, Angelika Ernst-Zwosta. Die Bamberger Theologin und Klinikseelsorgerin hat ein herzliches Lächeln, berührt die Teilnehmer durch ihre Offenheit und verkleinert Ängste im Handumdrehen. Und davon hatten sich in dem kleinen Saal der Villa etliche groß und breit gemacht: Bin ich selbst sicher genug, um das durchzustehen? Was, wenn ich dem Sterbenden nicht helfen kann? Werde ich Antworten auf seine Fragen haben?

Alter Mann auf der Bettkante

Immer wieder streut die Dozentin eigene Erlebnisse in die Runde. Zum Beispiel erzählt sie, wie damals der verbitterte alte Mann auf der Bettkante saß, dem Tod näher als dem Leben und die einzigen Worte, die er gemurmelt hat, waren «Mein Leben war einfach nur scheiße». An dieser Meinung hielt er fest. «Und was haben Sie gemacht?», fragt eine aus dem Kurs in die gespannte Stille hinein. «Nichts», sagt die Theologin leise aber betont. «Er ist mit dieser Einstellung gestorben.»

Nicht gerade eine Geschichte mit Happy-End, aber sie lässt die Kursteilnehmer aufatmen. «Machen Sie sich frei von dem Druck, etwas Schlaues sagen zu müssen», betont Ernst-Zwosta. Wichtiger sei es, dem Sterbenden nahe zu sein, mitzutrauern. Und wie ist das nun mit dem Beten?

In der Broschüre des Vereins steht «Wir sind christlichen Werten verpflichtet, aber offen für alle Weltanschauungen». Die Dozentin erklärt, was das in der Praxis bedeutet: «Versuchen Sie nicht, jemandem etwas überzustülpen, von dem er nicht überzeugt ist. Spüren Sie auf, was seine persönliche Kraftquelle ist.»

Brigitte Greckl hat viele dieser Kraftquellen kennen gelernt. Sie weiß, dass der Blick auf das Nachtkästchen genügt, um zu sehen, was dem Sterbenden nahe steht. Brigitte Greckl ist nicht nur im Beirat des Vereins, sie ist auch aktive Helferin.

Wie die meisten der zukünftigen Sterbegleiter, ist sie vor Jahren durch eigene Betroffenheit zu diesem außergewöhnlichen Ehrenamt gekommen. Ein schwerer Krankheitsfall in der Familie. «Ich habe damals ganz deutlich gespürt, wie wichtig es auch für die Angehörigen ist, dass jemand da ist, der zuhört, der die Ängste aushält und das Leid mitträgt.»

Routine stellt sich niemals ein

Auch wenn Brigitte Greckl von ihren Hospizkollegen als «alter Hase» tituliert wird - so etwas wie Routine wird es in diesem Amt wohl nie geben. Eine Distanz zum Sterbenden lässt sich nicht herstellen. «Überlegen Sie mal, mit wem sie bisher schon gebetet oder gesungen haben», sagt die Theologin Angelika Ernst-Zwosta die Kursteilnehmer. Die Antworten sind klar: Kinder, Familie höchstens. «Das, was da zwischen Ihnen und dem Sterbende abläuft, ist also etwas sehr Intimes», erklärt die Dozentin.

Daher ist es auch für die Hospizhelfer wichtig zu trauern, sagt Gertrud Müller, Erste Vorsitzende des Vereins. Die Beerdigung ist quasi ein Pflichttermin für die Sterbebegleiter: «Um abschließen zu können», so Brigitte Greckl. Geht der gemeinsame Weg mit einem betreuten Menschen zu Ende, steht außerdem eine Pause für die Hospizhelfer an: Ruhe am nächsten Tag muss sein. Erfahrungen tauschen die Helfer untereinander aus - ansonsten unterliegen sie der Schweigepflicht.

«Erst bei mir suchen»

Wie tief die Arbeit der Hospizhelfer tatsächlich geht, erleben die 17 «Auszubildenden» hautnah: Als sie nach diesem Kurstag - einem von 13 - eine Rückmeldung geben sollen, sagt eine Teilnehmerin nachdenklich: «Ich glaube, ich muss mir da selbst erst mal über einiges klar werden».